Leider zeigt der GAU/Super-GAU von Fukushima-Daiichi, wie das menschliche Verhalten und Denken von der Kurzfristigkeit gelenkt ist. Die aktuelle Atomdebatte thematisiert vorwiegend das Restrisiko, dabei gehen die Gefahren des Atommülls für das zukünftige Leben auf dieser Welt fast vollständig unter.

Die Medienherde und Fukushima

Obwohl sich der Zustand in 4 der 6 Blöcke von Fukushima seit Mitte März kaum gebessert hat, ist die Medienherde zum Glück weiter gezogen. Damals dominierten die Schlagzeilen und Bilder der Katastrophe die Medien:


Quelle: Focus-Online vom 16.03.2011


Quelle: Bild von 16.03.2011

Damals wurde im Stundenrhythmus von den Ereignissen in Fukushima berichtet. Damit entstand geradezu eine Erwartungshaltung, dass die Katastrophe in den nächsten 48 Stunden entweder völlig eingleiten musste oder unter Kontrolle gebracht werden könnte. Die 48 Stunden von damals sind längst vorüber aber der Kampf in den Reaktorblöcken in Fukushima geht unvermindert weiter. Die Medien mit ihrer dramatisierten und kurzsichtigen Berichterstattung sind mitschuldig, dass der Mensch meistens das Jetzt völlig überbewertet.

Grundsätzliche Gefahren der Kernkraft


Mir sind die AKWs in erster Linie auf Grund des Atommülls sehr unsympathisch. Vor ein paar Monaten gab Herr Martin Bäumle folgendes Statement zu den AKWs von sich:


Quelle: SF1 Arena vom 19.11.2010 – Neue AKW? Martin Bäumle und die Bilanz der Kernkraft

Meine Meinung bezüglich AKW steht ziemlich im Einklang mit dieser Aussage. Wobei ich die ungelösten Probleme des Atommülls auf die Arroganz und Ignoranz der gegenwärtigen Generation gegenüber dem Leben der folgenden Generationen verurteile.

Für 200’000 Jahre der lebensfeindliche Atommüll

Der hochradioaktive Abfall ist lebensfeindlich für die nächsten 200’000 Jahre bzw. 6’000 menschliche Generationen. Wasser wird auch das zukünftig Lebenselixier sein, wer bei diesem Element eine Verseuchung in Kauf nimmt, handelt verantwortungslos. Wie der Umgang mit Atommüll bisher ist, hierzu gibt es einen informativen Dokumentarfilm von Arte:

Quelle: Arte vom 20.10.2009 – Albtraum Atommüll

Wenn sich die Menschheit dereinst einmal selbst auslöscht oder ausgelöscht wird, sollte das Leben auf der Erde wieder eine neue Chance kriegen. Als wir in die Erde bohrten, bekamen wir das energiereiche Öl, dies ist die Grundlage unseres heutigen materiellen Wohlstandes. Die Generationen der nächsten Jahrtausende müssen sich bei ihren Bohrungen dereinst mit unserem radioaktiven Atommüll und/oder deren Folgen in Form von verseuchten Wasser beschäftigen.

Die Ökobilanz ist einfach: Wir sollten die Welt ein klein wenig besser hinterlassen, als wir sie vorgefunden haben. Auch von Quarks und Co gibt einiges wissenswertes über Uran, Atommüll, deutsche Energiepolitik usw.:

Atommüll- Endlager verzweifelt gesucht

Nirgends in der Welt gibt es Endlager und somit ist die atomare Endlagerung ungelöst, auch nicht in der Schweiz. Obwohl beispielsweise die Weltwoche das Gegenteil behauptet:

Den Beweis hat die Nagra bereits vor fünf Jahren erbracht. Im Opalinuston, der wie ein gigantischer Kaugummi am Fuss des Juras liegt, fand man Flüssigkeiten und Fossilien, die seit 180 Millionen Jahren hermetisch im Gestein eingeschlossen sind. Gemäss den Gesetzen der Natur wird sich das in einer Million Jahren nicht ändern. Abgesehen davon hat auch die Nukleartechnologie Fortschritte gemacht und ihre Abfälle reduziert. Die Entsorgung ist damit nur noch ein politisches Problem. Es sah schlecht aus für die AKW-Gegner. Die Havarie von Fukushima traf sie wie ein Geschenk vom Himmel.
Quelle: Weltwoche Nr. 11.11

Wer glaubt er könne mit 100-prozentiger Sicherheit die Lagerung von Atommüll für die nächsten 200’000 Jahren garantieren, der kann wohl nicht von dieser Welt sein.

Tragische Ethik der christlichen Religion

Wenn eine Religion wirklich höhere Werte als „nur“ das irdische Leben vertritt, müssten diese vehement gegen die Atomkraft eintreten. Sie müsst der Führsprecher des Lebens sein und damit heftigst gegen den Atommüll opponieren.

Restrisiko

Über das Restrisiko wurde im letzten Monat viel gesprochen. Ich werde nebst dem inexistenten Nullrisiko nur auf zwei Aspekte eingehen. Es gibt einen aufschlussreichen Beitrag in FAZ.NET zum Thema „Nach Fukushima stellt sich die Risikofrage neu„.

Ein Nullrisiko gibt es nicht

Zum Risiko der Atomkraftwerke lasse ich lieber Herr Hans Wanner der Direktor der eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI sprechen:

Quelle: DRS1, Tagesgespräch vom 15.03.2011 – Hans Wanner und Willi Scholl zu atomaren Gefahren

Ein Nullrisiko gibt es wirklich nicht:

Quelle: DRS1, Tagesgespräch vom 15.03.2011 – Hans Wanner und Willi Scholl zu atomaren Gefahren

Brennelemente Lagerbecken (Abklingbecken)

Über das Abklingbecken des Blocks 4 von Fukushima wird in den Medien kaum gesprochen. Die Beherrschbarkeit eines Brennelemente Lagerbecken bei einer Katastrophe zeigen die Grenzen der Sicherheit von Atomkraftwerken deutlich auf:


Quelle: Monitor Nr. 619 vom 07.04.2011 – Die brisanten Interna zu Fukushima

Es wäre interessant zu wissen, ob die Schweizer Atomkraftwerke die Brennelemente Lagerbecken auch als günstiges Zwischenlager nutzen. Zudem stellt sich die Frage, wie sicher diese Lagerbecken vor einem Terrorangriff geschützt sind.

Flugzeugabsturz oder Terroranschlag auf ein KKW

In Deutschland hat die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) die Terroranfälligkeit ihrer Kernkraftwerke geprüft. Auch wenn die Betonhülle der modernsten Atomkraftwerke dem Aufprall einer Passagiermaschine standhalten würde, könnte die Erschütterung durch den Aufprall zu schweren Zerstörung im Inneren führen. Wahrscheinlich würden nur 3 der 19 Atomkraftwerke einem Flugzeugangriff standhalten.


Quelle: Frontal21-Dokumentation vom 13.07.2010 – Der grosse Bluff

Gemäss der ENSI weisen die schweizerischen Kernkraftwerke einen hohen Schutz bei einem vorsätzlichen Flugzeugabsturz auf. Scheinbar haben wir in der Schweiz nicht nur den dienstältesten Atomkraftwerkpark Europas, sondern auch noch vor Flugzeugabsturz besser geschützt AKWs als die Deutschen.

Es erstaunt, wieso die schweizerische ENSI bei ihren geprüften Kernkraftwerken einen hohen Schutz vor Flugzeugabstürzen attestiert während die deutsche GRS bei ihren kontrollierten Atomkraftwerken zu einer völlig anderen Einschätzung kommt.

Manchmal muss nur einfach die Berechnung geändert werden und schon genügt ein schweizerisches AKW den Anforderungen eines Flugzeugabsturzes:

Quelle: DRS1, HeuteMorgen vom 14.04.2011 – Die Sicherheit von Schweizer AKW

Rechnete die ENSI mit einem Schönwettermodell oder sind die schweizerischen Atomkraftwerke in weiser Voraussicht des Szenarios „Terroranschläge vom 11.09.2001“ stabiler gebaut worden? Es macht mich stutzig, dass sich die Schweiz den EU-Stresstest für Atomkraftwerke verweigert.

Durch das hohe Mitspracherecht des Volkes in einer direkten Demokratie besteht des Öfteren die Gefahr des Verschweigens von negativen komplizierten Fakten. Derweil in einer repräsentativen Demokratie wie beispielsweise in Deutschland nicht das Volk über den Atomausstieg entscheidet, könnte das Schweizervolk ihre Elite bei einer Sachvorlage an der Wahlurne überstimmen.

Terroristischen Anschlag auf die Schweiz sehr unwahrscheinlich

Ein terroristischer oder kriegerischer Angriff auf ein Atomkraftwerk zeigt die Verletzlichkeit der Länder mit Atomkraftwerken. In der Schweiz müsste nur ein Angriff mit panzerbrechender Waffe auf ein Atomkraftwerk gelingen. Nebst der radioaktiven Gefahr wäre der völlige wirtschaftlichen Zusammenbruch der Schweiz kaum vermeidbar. Natürlich ist das Risiko eines solchen terroristischen Anschlages in der Schweiz sehr gering, welcher Terrorist würde schon einen Teil seines persönliches Vermögen gefährden. Ich gehe davon aus, dass fast jeder Terrorist dieser Welt über eine grössere Geldsumme auf einem Schweizer Bankkonto verfügt.

Wenn das Undenkbare passiert

Wenn das Restrisiko sich mit einem Unfall als Realität manifestiert, zeit sich wie die Ingenieure selbst in den hochindustrialisierten Ländern verzweifelt gegen die Katastrophe kämpfen. Scheinbar einfache Aufgaben wie das schliessen eines Bohrloches oder das genügende kühlen von Brennstäben werden zu kaum bewältigbaren Aufgaben. Auf solche Desaster in der Hektik das richte Rezept zu finden und umzusetzen ist viel schwieriger als uns die Helden der Katastrophenfilme aus Hollywood weissmachen wollen.

Liquidatoren

Bei einem GAU/Super-GAU werden Liquidatoren zum Einsatz kommen. Sie werden auch Biorobots, lebender Roboter bezeichnet. Teileweise kämpften Liquidatoren unter dem Einsatz ihres Lebens um noch schlimmer Zustände zu vermeiden. Im Zusammenhang mit Kernkraftwerk war die Katastrophe von Tschernobyl prägend für den Begriff Liquidator. Die damalige Sowjetunion konnte einfach die Zwangsrekrutierungen von Liquidatoren durchsetzen. In Japan oder der Schweiz ist bzw. wäre es ungleich schwierig, Menschenleben ohne Rücksicht auf Verluste für notwendige Arbeiten an einem verstrahlten Reaktor zu gewinnen. Jedoch können solche Menschenopfer die schlimmsten Katastrophenszenarien eindämmen oder die Durchführung gewisser gefährlicher Arbeiten stark beschleunigen.

Sicherlich müssen bald auch viele Einsatzkräfte in Fukushima als Liquidator bezeichnet werden. Das folgende Video beschäftigt sich mit der Rekrutierung der Liquidatoren in der Schweiz:


Quelle: SF1 Einstein vom 24.03.2011 – Wer sind die Schweizer Liquidatoren?

Falls in der Schweiz mehrere tausend Liquidatoren rekrutiert werden müssten, so könnte es letztendlich jeden treffen.

Fazit

Für mich ist Wahrscheinlichkeit sehr gering, ein Opfer eines Kernreaktorunfalles zu werden. Ich bin oft mit dem Fahrrad unterwegs, dabei setzte ich mich einem viel höheren Unfallrisiko aus als der Gefahr des zirka 35 km entfernten KKW Mühleberg. Ich bin aus folgenden Gründen gegen Kernenergie:

  • Wir brauchen sehr viel Energie, da viele in der industrialisierten Welt nach folgendem Motto leben: Viele Menschen benutzen das Geld, das sie nicht haben, für den Einkauf von Dingen, die sie nicht brauchen, um damit Leuten zu imponieren, die sie nicht mögen.
  • Um unserem ungehemmter Konsumlust während vielleicht 60 Jahren nachleben zu können, vererben wir den nächsten 6’000 Generationen stark radioaktiven Müll.
  • Ich bin mir sicher ein, glückliches Leben ist auch ohne Atomkraft und deren Müll möglich. Ein disziplinierter Umgang mit Energie, ein Mehr an Energieeffizienz und alternative Energien kann die Atomkraft leicht ersetzen.
  • Japan ist und die Schweiz wäre total überfordert, wenn der undenkbare Atomstörfall eintritt und Arbeiter in eine verstrahlte Todeszone geschickt werden müssten. Was in der Sowjetunion mit den Hunderttausenden von Liquidatoren noch funktionierte, würde in der Schweiz total versagen.

Die Kernenergie ist nicht nur ein ökologischer Unsinn, sondern auch noch unwirtschaftlich. Dazu gibt es mehr in einem weiteren Beitrag.

Links

Kommentare sind geschlossen.